Sengende Sonne über dem Land: Dürre und Hungersnot, wohin das Auge blickte. In Moab, dem Land südöstlich des Toten Meeres, sei die Lage besser, so sagte man.
So zog Elimelech schweren Herzens mit seiner Frau Noomi und den beiden Söhnen Machlon und Kiljon fort aus Juda, durch karges Land, über den Jordan nach Moab.
Glückliche Jahre in Moab folgten. Sie waren freundlich aufgenommen worden, hatten dort gelebt und gearbeitet, und hatten Freunde gefunden. Die beiden Söhne hatten Moabiterinnen geheiratet, Heidinnen, aber das hatte niemand anstößig gefunden.
Doch dann kam das Unglück. Noomis Mann starb und kurz darauf die beiden Söhne. Das war eine Katastrophe für die drei Frauen, denn in einer Gesellschaft, in der nur Männer zählen, können drei Frauen allein nicht überleben.
Was blieb war die Hoffnungslosigkeit: ohne Männer, ohne Nachkommen gab es kein Lebensziel, keine Lebensaufgabe, keinen Lebensinhalt.
Mitten in tiefster Verzweiflung kam die Nachricht:„In Israel gibt es wieder Brot!“
Noomi, gefangen in ihrer Trauer, beschloss, nach Bethlehem zu-rückzukehren: „In diesem Land bin ich zum Verhungern verurteilt, hart hat mich Gott geschlagen.“
Und Ruth und Orpa? Sie dachten an die gemeinsamen Jahre mit Noomi und sagten: „Wir gehen mit dir.“
An der Grenze zwischen Juda und Moab erwachte Noomi aus ihrer Trauer: „Ruth, Orpa, bleibt hier in diesem Land. Ich werde euch nicht vergessen, ich danke euch für all das Gute, das ihr mir und meinen Söhnen getan habt. Geht zurück, heiratet und werdet glücklich.“
Tränen gab es und Weigerung. Orpa ließ sich überreden und kehrte nach Hause zurück, Ruth aber blieb standhaft: „Wo du hingehst, will auch ich hingehen, dein Land soll auch mein Land werden, und dein Gott soll auch in Zukunft mein Gott sein.“ Eine Entscheidung voll Treue und Vertrauen.
Bettelarm kommen Noomi und Ruth in Bethlehem an, was soll nur aus ihnen werden, allein, ohne männlichen Schutz. Es ist die Zeit der Getreideernte und Ruth geht aufs Feld, um Ähren aufzu-lesen. Nach altem israelitischem Gesetz* durften die Armen auflesen, was den Schnittern beim Binden der Korngaben heruntergefallen war, ein Gesetz zum Schutz der Besitzlosen, zum Schutz der Schutzlosen.
* 5.Mose 24, 19
Boas, ein naher Verwandter von Elimelech, fragt seine Knechte: „Wer ist dieses Mädchen?“ Boas hatte schon von Ruth’s Treue zu Noomi gehört, und lädt sie ein, zusammen mit seinen Knechten und Mägden zu essen und zu trinken. Boas bietet Ruth seinen Schutz an.
Auf der Tenne findet ein fröhliches Erntefest statt
Als Noomi davon erfährt, wie freundlich Boas zu Ruth gewesen war und auch, wie sehr er Ruth gefällt, beginnt sie einen Plan zu schmieden. Sie rät der Ruth zu einem gefährlichen Spiel mit dem Feuer: Boas soll ihr neuer Schwiegersohn werden. „Heute drischt Boas Gerste auf der Tenne, nach der Ernte werden sie feiern bis spät in die Nacht. Wasche dich, parfümiere dich, mache dich schön und ziehe dein bestes Kleid an, und wenn es dunkel geworden ist, lege dich unter seine Decke zu seinen Füßen“, so spricht Noomi zu Ruth. Ruth zögert erst, tut aber dann doch, was Noomi ihr sagt. Sie übernimmt die Regie in ihrem Leben, vertraut darauf, dass Boas die Situation nicht ausnützt. „Lege dein Gewand über mich und nimm mich zur Frau, du bist der Löser*“, so spricht sie. Boas erkannte sofort: „Alles, was du sagst, will ich dir tun.“
*Löser: nächster Verwandter, der die Grundstücke verarmter oder kinderlos verstorbener Männer aufzukaufen hat. Im letzteren Fall muss der Löser durch eine Ehe mit der Witwe versuchen, stellvertretend für den Verstorbenen dem Grundstück einen Erben zu verschaffen.
Boas weiß, dass es Gesetze und Regeln gibt, die über der Liebe stehen, Rechte über die man sich nicht hinwegsetzen kann, wenn man die Liebe nicht gefährden will. Er weiß, dass es noch einen Ver-wandten gibt, der Noomi näher steht, und damit der Löser ist. So schickt er Ruth am Morgen zu Noomi zurück mit einem großen Korb Korn, und diese erzählt Noomi alles, was sich ereignet hatte.
Boas aber geht in Bethlehem zum Tor, wo alle wichtigen Dinge und Rechtssa-chen verhandelt werden. Er ruft die Männer der Stadt zusammen und auch den anderen Ver-wandten Noomis. Diesem bietet er Elimelechs Land an, mit der Aussicht, die verwitwete Schwiegertochter Ruth zu heiraten. Das Land hätte dieser gerne genommen, aber noch eine Frau... Dankend lehnt dieser das Angebot ab, und überlässt Boas Land und Besitz und zum Besitz gehört auch Ruth. Zur Bekräftigung der Rechtssache tauschen die beiden Männer einen Schuh aus. Die anderen Männer im Tor freuen sich mit Boas, dass er jetzt Ruth heiraten kann und gratulieren ihm: „Der Herr mache die Frau, die in dein Haus kommt, wie Rahel und Lea, die beide das Haus Israel gebaut haben.“
Hochzeit von Boas und Ruth.
Nach einiger Zeit wird Ruth schwanger und bringt einen Sohn zur Welt. Und Noomi? Die Frauen von Bethlehem kommen zu ihr und loben Gott, der Noomi so viel Gutes getan hat. Nach allem Leid, sagen die Frauen, ist Noomi wieder ein Kind geboren, ihre Schwiegertochter hat es ihr geboren und hat ihr damit wieder eine Zukunft geschenkt über das eigene Leben hinaus. Und die Frauen sagen noch mehr: „Ruth ist dir mehr wert als sieben Söhne.“ Und die Frauen legen den Säugling Noomi in den Arm und sagen: „Noomi ist ein Sohn geboren, er soll Obed heißen.“
Obed ist der Vater Isais, welcher Davids Vater ist. So wurde die Moabiterin Ruth zu einer Stammmutter Davids (Matth. 1,5/6).
Die Original-Geschichte ist nachzulesen im ersten Testament, das Buch “Ruth“.
Eine Bilder-Geschichte mit Texten von Dr. Hanne Leewe und Fotos, gestellt mit biblischen Erzählfiguren – Orig. Doris Egli ® - von Renate Milerski finden Sie in der Broschüre: „Vom Fremd-Sein und Heimisch-Werden“.Eigenverlag Renate Milerski, Tel: 07042-77644 oder e-mail: R.Milerski@t-online.de